Seit gestern kann sich der geneigte Kindle-Eigner
auch in Deutschland Bücher aufs eigene Gerät laden. Irgendwie hatte ich
dieses Ereignis erhofft, als ich mir vor etwas mehr als 2 Wochen einen in den
USA bestellte. Aber auch ohne deutschen
Kindle-Shop ist das Gerät eine
Bereicherung gewesen. Mit dem Store steigt natürlich dessen Wert für mich.
Wieso ausgerechnet der Kindle? Andere Reader unterstützen das offene Format
EPUB, der Kindle nicht. Dieser kennt an
eBook-tauglichen Formaten nur Mobipocket und das
DRM-Format AZW. Beide proprietär und unter Amazons Kontrolle. Ich stimme zu,
dies war mein erster eigener Einwand gegen den Kindle. Inzwischen ist dieser
Einwand aber nicht mehr so relevant für meine Bedürfnisse.
Mit einem eBook-Reader habe ich schon länger geliebäugelt. Besonders reizvoll
ist es, einen ganzen Packen an Büchern in Form eines kleinen Geräts
mitzunehmen. Das Haptische eines "echten" Buches geht dabei natürlich
verloren. Dafür lassen sich Anmerkungen beliebig ins Buch integrieren, eine
Suchfunktion ist ebenfalls sehr hilfreich. Für viele Texte ist ein
eBook-Reader ein Gewinn. Ich kann ja trotzdem noch "echte" Bücher lesen, wenn
ich es für angemessen halte.
Anfang des Jahres durfte ich für eine Woche ein iPad testen (noch die erste
Generation). Schnell lernte ich dessen Begrenzungen. Das iPad mag ein tolles
Gerät sein, aber der spiegelnde Bildschirm, das LCD-Display und das relativ
hohe Gewicht (ca. 0,75 kg) erlauben kein längeres Lesevergnügen. Für ein
lockeres Durchblättern kann es ausreichen. Ich bin aber eher selten in der
Arztpraxis und muss mich dort auch nicht mit Blättern ablenken.
Nach einigen Recherchen (schön der Test in der
c't) war mir klar,
dass es de facto nur zwei wirklich vernünftige Geräte gibt. Zum einen den
Kindle. Mehr noch favorisierte ich den Sony
PRS-650. Beide besitzen
ein Display mit E Ink
Pearl-Technologie. Für die
Augen nur das Beste! Alles andere ist dagegen Murks. Ich habe es in diversen
Läden ausprobiert.
Gut fand ich beim Sony die einigermaßen vernünftige Bedienung. Mit Hilfe von
seitlich eingebauten Infrarotsensoren ist ein touchscreen-artiges Bedienen gut
möglich. Ein wenig hakelig zwar, aber um Welten besser, als sich
tastengestützt durch Nokia-ähnliche Menüs zu hangeln. Offenbar der Standard
bei den anderen Geräten.
Meine sehr geschätzte
Stadtbibliothek verleiht
eBook-Reader zum Testen. Ich bekam den kleinen Bruder, den PRS-350. Das
Display misst nur 5 Zoll, besitzt aber die gleiche Auflösung (800x600) wie der
PRS-650 oder der Kindle. Also vergleichbar, wenn auch nicht mein Wunschgerät.
So schön das Gerät, so schrecklich die mitgelieferte Software. Nur mit Müh und
Not gelang es mir, ein DRM-geschütztes eBook der Stadtbibliothek auf dem Reader
lesen zu können. Erst unter Windows funktionierte es teilweise so wie
beschrieben. Nach einiger Zeit wollte die Software auch dort nicht mehr die
Inhalte zwischen PC und Reader synchronisieren.
Zugegeben, im Vergleich zum iPad sollte sich der "Touch Screen" des Sony besser
verstecken. Das Blättern und die meisten Aktionen auszuwählen funktioniert
soweit gut. Aber mit dem Sony würde ich das Zeichnen besser lassen. Davon
einmal abgesehen, dass ich die Zeichnung nicht auf meinen Mac synchronisiert
bekomme.
Zu meinem Glück lief mir die Software Calibre über
den Weg. Synchronisationsprobleme mit dem Sony gab es nicht mehr (bis auf die
Zeichnungen). Mit Hilfe von Calibre können auch Webseiten automatisiert in ein
eBook umgewandelt und auf den Reader kopiert werden. Klasse ist die
Möglichkeit, die Wochenausgabe der ZEIT zeitgesteuert
herunter zu laden. Einfach Benutzername und Passwort angeben, fertig. Super
Funktionalität.
Nur mit DRM-geschützten Formaten kann Calibre nicht arbeiten. Aber wer
möchte das schon? Ich glaube / hoffe, irgendwann wird
auch bei (Buch-) Verlagen die Einsicht siegen. Sprich, in der Zwischenzeit
kann es schon sein, dass ich Geld für die Nutzung eines Buches ausgebe und
nicht, wie bei "echten" Büchern für deren Eigentum.
Der andere große Nachteil des Sony PRS-650 ist dessen (fehlende) Verfügbarkeit.
Seit Anfang des Jahres offenbar ausverkauft, sollte dieser angeblich Ende
Februar wieder verfügbar sein. Jetzt haben wir Ende April und noch immer steht
auf der Webseite "Im Moment leider nicht lieferbar". Der Moment dauert jetzt
schon lange an. (Der PRS-350 ist mir zu klein)
Nachdem ich von Sony keine Antwort bekam (möglicher Grund könnte ja die
Katastrophe in Japan sein, auch wenn wenigstens das PRS-350 in China gefertigt
wurde) beschäftigte ich mich dann doch mal mit dem Kindle. Preislich ist der
Kindle 80 Euro günstiger als der Sony (ohne UMTS, hat der Sony auch nicht).
Das Display ist, wie gesagt, das gleiche. Die Bedienung erfolgt über Tasten,
nicht per "Touch screen". Was soll's, sagte ich mir. So viel mache ich damit
nicht verkehrt. Ich lese viele Bücher lieber im klingonischen, äh, englischen
Original. Hatte ich schon erwähnt, dass Calibre auch EPUB nach Mobipocket
konvertieren kann? Also bestellte ich mir das Gerät bei Amazon USA.
Die Lieferung sollte innerhalb von 5 Tagen erfolgen, per UPS. International
ist UPS sicher eines der leistungsfähigen Logistikunternehmen. Hier in
Deutschland kann ich deren Lieferbedingungen nur schwer nachvollziehen. Ideal
ist, wenn man den ganzen Tag zu Hause wäre. Nach dem ersten Lieferversuch am
4. Tag wechselte ich die Lieferadresse. Hochschule statt zu Hause. Mit
geübtem Blick und einiger studentischer Hilfe (danke schön, #se1) konnte ich
den UPS-Menschen gut abfangen. Endlich
meins!
Der Kindle lässt sich trotz Tasten gut bedienen. Die Menüs sind
kontextabhängig und gut sortiert. Für die wichtigsten Aktionen sind nur wenige
Tastendrücke nötig. Einige Sondertasten unterstützen die schnelle Auswahl.
Die Tasten zum Blättern eigenen sich auch für Linkshänder und liegen sehr
ergonomisch. Der Kindle liegt sehr gut balanciert in der Hand.
Texte (z.B. Anmerkungen) sind schneller als mit dem Sony erfasst. Nur auf
Umlaute muss ich verzichten. Amazon hat besser lesbare Schriftarten als Sony
ausgewählt. Der Text sieht klarer aus. Schrifttechnisch: die Serifen sind
nicht so ausgeprägt. Die Synchronisation via Calibe funktioniert ebenso gut.
Ein wenig besser sogar, denn Calibre kann dem Kindle Bücher auch per Mail
senden, Amazon's Whispernet sei dank.
Mit Hilfe des Whispernet überträgt Amazon eigentlich die frisch gekauften
Bücher auf den Kindle. Aber auch andere können darüber Bücher übertragen. Dazu
erhält jeder Besitzer eine eigene Email-Adresse. Absender müssen vorher
autorisiert werden. Praktisch ist der Versand von ungelesenen Webseiten per
Instapaper.
Zwei Dinge funktionieren allerdings nicht so wie gedacht. Erstens, das
fehlende UMTS-Modul (ich habe den kleinen Kindle, der mit UMTS kostet 50 Euro
mehr) lässt sich nicht durch Tethering ersetzen. Ebenso erlaubt das WLAN-Modul
nicht das Einwählen in Unternehmensnetze. Dies ist für mich kein echter
Nachteil. Dann kaufe ich Bücher nur zu Hause im heimischen WLAN. Verhindert
Schnellkäufe ;-). Zweitens ist es in Deutschland (noch?) nicht möglich,
Textstellen zur Twittern oder auf Facebook zu posten. Aktuell sehe ich dazu
keinen Anwendungsfall.
Der Kindle verfügt über einen leidlichen Web-Browser, den man aber nur in
Notfällen nutzen wird. Surfen macht mit dem langsamen E-Ink-Display wenig
Spaß. Apropos langsam: das des Sony hat gefühlt doppelt so lange
Umschaltzeiten. Über die Akkulaufzeit kann ich keine Angaben machen. Ich bin
bisher nie unter 75% gekommen, beim Synchronisieren per USB lädt der Kindle
automatisch auf.
Insgesamt bin ich mit dem Gerät sehr zufrieden. Mit dem deutschen Kindle-Shop
wird sich das noch bessern. Die bisher von mir getesteten Leseproben gaben
einen guten Eindruck über die Inhalte. Manche Bücher konnte ich dadurch von
meinem Wunschzettel nehmen, andere erhielten eine höhere Priorität.
Das gedruckte Buch ist nicht tot, es ist aber nicht mehr die einzig gute
Möglichkeit längere Texte in aller Ruhe zu lesen.
Jetzt müssen nur noch die deutschen Verlage zur Vernunft kommen. Aber das wäre
ein eigener Blogpost.
Schlagworte: ebook, kindle.